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Der Redner
500 Leute sitzen in einem großen Saal eines
Kongresszentrums, in der Mitte in Halbkreisform Sitzreihen, am Rand Tische,
an denen man zu Abend gegessen hatte und jetzt mit Sekt den Anlass begoss. So
wartete man darauf, dass einem das neueste Ergebnis wissenschaftlicher Forschungen
vorgestellt wird. Sie hatten sich alle in Schale geworfen und schon seit
Wochen waren die Zeitungen voll davon gewesen. Sachverständige stritten sich,
ob diese neue Formel wirklich den Durchbruch für das menschliche Gehirn
bringen sollte.
Das Publikum wurde langsam unruhig, denn der Vortrag
hätte schon vor einer halben Stunde beginnen sollen, aber von dem Redner gab
es noch immer keine Spur. Vielleicht dachte er an Marilyn Monroes Worte:
„Umso länger sie warten, desto mehr klatschen sie!“ Das Licht war schon
mehrmals ausgegangen, um die Geschehnisse auf der Bühne besser verfolgen zu
können. Einmal gab es sogar einen Applaus, weil einer in den vorderen Reihen
sitzenden glaubte, den Redner gesehen zu haben. Aber dann passierte doch
einfach nichts und der Saal wurde wieder beleuchtet. Nachdem das ein paar Mal
abgelaufen war, begannen die ersten Besucher den Saal zu verlassen. Immer
mehr schlossen sich ihnen an, bis sogar ein kleiner Stau an der Tür entstand,
der sich aber schnell wieder auflöste. Die Leute am Rand an ihren Tischen
hielten am längsten durch. Sie hatten noch halbvolle Flaschen und Gläser und
amüsierten sich teilweise köstlich. Manchmal konnte sogar überlautes
Gelächter vernommen werden. Und ein, zwei Liebespaare, die sich ungeniert
küssten, als ob sie in einem stillen Park fern von den anderen und der ganzen
Welt wären. Ich blieb dort, um die Szene zu beschreiben.
Nach zwei Stunden war ich ganz allein und ein
Sicherheitsbeamter kam auf mich zu. Zuerst dachte ich, dass er mich bitten
wolle den Saal zu verlassen. Aber zu meiner größten Überraschung bat er mich
um ein wenig Geduld, da der Redner eintreffen müsse.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis am Rand der Bühne
zuerst ein Kopf erschien, dann das große Licht ausgeschaltet und die Bühne allein
beleuchtet war und ein länglich schlaksiges Männchen erschien. Er schaute
sich ein bisschen unsicher um und begann: „Meine sehr geehrten Damen und
Herren!“ Er hielt eine Pause, verbeugte sich nach allen Richtungen und setzte
seinen Vortrag mit folgenden Worten fort: „Meine Damen und Herren! Wer kennt
nicht das Gefühl, am Abend eines langen Tages todmüde vor seinem Bett zu
stehen und auch zum Ausziehen fast keine Kraft mehr zu haben. Wenn wir dann
noch so viele Gedanken im Kopf haben, um über den vergangenen Tag
nachzudenken, kommen wir immer zu dem gleichen Schluss, dass wir eigentlich
nur das nötige Minimum erledigt haben, aber sonst keinen Schritt
vorausgekommen sind.
- Aufstehen
- Frühstück
für die Kinder machen
- Pausenbrote
belegen
- Die Kinder
in die Schule bringen
- Dann durch
die ganze Stadt zum Arbeitsplatz
- Der Chef ist
wegen der wiederholten Verspätung schlecht gelaunt
- Die Kollegen
haben schlecht geschlafen
- Um die
Mittagszeit beginnt sich die Stimmung ein bisschen zu bessern, vor allem am
Donnerstag, weil die Woche fast zu Ende ist
- Natürlich
fiel es dem Chef noch in letzter Minute ein, dass noch etwas Wichtiges
erledigt werden müsste
- Stau auf der
Straße
- Heute läuft
alles schief
- Die Kinder
waren wie immer die letzten, die von der Schule und dem Kindergarten abgeholt
werden
- Noch etwas
einkaufen, weil die Geschäfte jetzt am Sonntag wieder geschlossen sind
- Endlich zu
Hause angekommen
- Schnell
etwas kochen
- Die
Hausaufgabe der Kinder kontrollieren
- Erklären,
was sie nicht verstanden haben
- Sie ins Bett
bringen
- Mit dem
Partner noch kurz etwas besprechen
- Und dann
todmüde ins Bett fallen.“
Diese Ausführung schien mir doch etwas zu lang und
ausführlich, obwohl die Bewegungen, die er dabei machte, alles so witzig und
anschaulich darstellten, dass ich mir ein Lächeln nicht verkneifen konnte und
davon überzeugt war, dass er über sich selbst spreche. Er redete
unaufhörlich, und wenn er sich von Zeit zu Zeit vor dem unsichtbaren Publikum
verbeugte, strahlte sein Gesicht vor tiefster Zufriedenheit. Aber er hatte
noch immer nicht über das Wundermittel gesprochen und als er seine Rede mit
der Frage beendete, ob er alle Unklarheiten beseitigt habe, hob ich die Hand,
um ihn darauf aufmerksam zu machen.
„Ja richtig,“ antwortete er, „das Wichtigste hätte ich
glatt vergessen.“ Und schnell holte er einen großen Aktenkoffer hinter einer
Leinwand hervor, stellte ihn auf den Tisch neben sich, machte ihn auf, nahm
eine Tablettenkapsel heraus, hielt sie triumphierend in die Höhe und sagte in
posaunender Stimme: „Hier ist sie, die Superpille! Eine davon ist genug, um
zum Beispiel eine Sprache zu lernen.“ Schnell zählte ich die Dinge im Kopf
zusammen, die ich noch gerne gelernt hätte. Und als er das abwesende Publikum
aufforderte, näher zu kommen, um vielleicht ein paar von diesen Wunderpillen
zu erstehen, erhob ich mich und ging zum Tisch. Immer wieder hörte ich ihn:
„Bitte nicht drängeln! Es ist genug für alle da.“ Zehnmal machte ich die
Runde von meinem Platz zu ihm und jedes Mal gab er mir eine Pille und nahm
das Geld dafür, als ob ich immer ein anderer gewesen wäre.
Bei der letzten Runde fragte ich ihn, ob dieses Mittel
wirklich seine versprochen Wirkung habe, und ich dabei klüger werde. Die
Antwort kam prompt: „Sie sehen es ja! Machen Sie es wie ich!“
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Montag, 22. Juni 2015
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