Montag, 22. Juni 2015

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Der Redner

500 Leute sitzen in einem großen Saal eines Kongresszentrums, in der Mitte in Halbkreisform Sitzreihen, am Rand Tische, an denen man zu Abend gegessen hatte und jetzt mit Sekt den Anlass begoss. So wartete man darauf, dass einem das neueste Ergebnis wissenschaftlicher Forschungen vorgestellt wird. Sie hatten sich alle in Schale geworfen und schon seit Wochen waren die Zeitungen voll davon gewesen. Sachverständige stritten sich, ob diese neue Formel wirklich den Durchbruch für das menschliche Gehirn bringen sollte.
Das Publikum wurde langsam unruhig, denn der Vortrag hätte schon vor einer halben Stunde beginnen sollen, aber von dem Redner gab es noch immer keine Spur. Vielleicht dachte er an Marilyn Monroes Worte: „Umso länger sie warten, desto mehr klatschen sie!“ Das Licht war schon mehrmals ausgegangen, um die Geschehnisse auf der Bühne besser verfolgen zu können. Einmal gab es sogar einen Applaus, weil einer in den vorderen Reihen sitzenden glaubte, den Redner gesehen zu haben. Aber dann passierte doch einfach nichts und der Saal wurde wieder beleuchtet. Nachdem das ein paar Mal abgelaufen war, begannen die ersten Besucher den Saal zu verlassen. Immer mehr schlossen sich ihnen an, bis sogar ein kleiner Stau an der Tür entstand, der sich aber schnell wieder auflöste. Die Leute am Rand an ihren Tischen hielten am längsten durch. Sie hatten noch halbvolle Flaschen und Gläser und amüsierten sich teilweise köstlich. Manchmal konnte sogar überlautes Gelächter vernommen werden. Und ein, zwei Liebespaare, die sich ungeniert küssten, als ob sie in einem stillen Park fern von den anderen und der ganzen Welt wären. Ich blieb dort, um die Szene zu beschreiben.
Nach zwei Stunden war ich ganz allein und ein Sicherheitsbeamter kam auf mich zu. Zuerst dachte ich, dass er mich bitten wolle den Saal zu verlassen. Aber zu meiner größten Überraschung bat er mich um ein wenig Geduld, da der Redner eintreffen müsse.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis am Rand der Bühne zuerst ein Kopf erschien, dann das große Licht ausgeschaltet und die Bühne allein beleuchtet war und ein länglich schlaksiges Männchen erschien. Er schaute sich ein bisschen unsicher um und begann: „Meine sehr geehrten Damen und Herren!“ Er hielt eine Pause, verbeugte sich nach allen Richtungen und setzte seinen Vortrag mit folgenden Worten fort: „Meine Damen und Herren! Wer kennt nicht das Gefühl, am Abend eines langen Tages todmüde vor seinem Bett zu stehen und auch zum Ausziehen fast keine Kraft mehr zu haben. Wenn wir dann noch so viele Gedanken im Kopf haben, um über den vergangenen Tag nachzudenken, kommen wir immer zu dem gleichen Schluss, dass wir eigentlich nur das nötige Minimum erledigt haben, aber sonst keinen Schritt vorausgekommen sind.
-       Aufstehen
-       Frühstück für die Kinder machen
-       Pausenbrote belegen
-       Die Kinder in die Schule bringen
-       Dann durch die ganze Stadt zum Arbeitsplatz
-       Der Chef ist wegen der wiederholten Verspätung schlecht gelaunt
-       Die Kollegen haben schlecht geschlafen
-       Um die Mittagszeit beginnt sich die Stimmung ein bisschen zu bessern, vor allem am Donnerstag, weil die Woche fast zu Ende ist
-       Natürlich fiel es dem Chef noch in letzter Minute ein, dass noch etwas Wichtiges erledigt werden müsste
-       Stau auf der Straße
-       Heute läuft alles schief
-       Die Kinder waren wie immer die letzten, die von der Schule und dem Kindergarten abgeholt werden
-       Noch etwas einkaufen, weil die Geschäfte jetzt am Sonntag wieder geschlossen sind
-       Endlich zu Hause angekommen
-       Schnell etwas kochen
-       Die Hausaufgabe der Kinder kontrollieren
-       Erklären, was sie nicht verstanden haben
-       Sie ins Bett bringen
-       Mit dem Partner noch kurz etwas besprechen
-       Und dann todmüde ins Bett fallen.“
Diese Ausführung schien mir doch etwas zu lang und ausführlich, obwohl die Bewegungen, die er dabei machte, alles so witzig und anschaulich darstellten, dass ich mir ein Lächeln nicht verkneifen konnte und davon überzeugt war, dass er über sich selbst spreche. Er redete unaufhörlich, und wenn er sich von Zeit zu Zeit vor dem unsichtbaren Publikum verbeugte, strahlte sein Gesicht vor tiefster Zufriedenheit. Aber er hatte noch immer nicht über das Wundermittel gesprochen und als er seine Rede mit der Frage beendete, ob er alle Unklarheiten beseitigt habe, hob ich die Hand, um ihn darauf aufmerksam zu machen.
„Ja richtig,“ antwortete er, „das Wichtigste hätte ich glatt vergessen.“ Und schnell holte er einen großen Aktenkoffer hinter einer Leinwand hervor, stellte ihn auf den Tisch neben sich, machte ihn auf, nahm eine Tablettenkapsel heraus, hielt sie triumphierend in die Höhe und sagte in posaunender Stimme: „Hier ist sie, die Superpille! Eine davon ist genug, um zum Beispiel eine Sprache zu lernen.“ Schnell zählte ich die Dinge im Kopf zusammen, die ich noch gerne gelernt hätte. Und als er das abwesende Publikum aufforderte, näher zu kommen, um vielleicht ein paar von diesen Wunderpillen zu erstehen, erhob ich mich und ging zum Tisch. Immer wieder hörte ich ihn: „Bitte nicht drängeln! Es ist genug für alle da.“ Zehnmal machte ich die Runde von meinem Platz zu ihm und jedes Mal gab er mir eine Pille und nahm das Geld dafür, als ob ich immer ein anderer gewesen wäre.
Bei der letzten Runde fragte ich ihn, ob dieses Mittel wirklich seine versprochen Wirkung habe, und ich dabei klüger werde. Die Antwort kam prompt: „Sie sehen es ja! Machen Sie es wie ich!“
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